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Kunst — Emanzipation durch Architektur und Wissenschaft

1. November 2012

→ Thema: Kunst — Perspektiven der „Wirklichkeit“

Peter Parler der Jüngere (Selbstportrait, um 1383)

Im vierzehnten Jahrhundert entzog man sich dem Einfluss von Kirche und Feudalherren — und machte sich auf in die Stadt. Dies galt jedoch nicht nur für die armen Bauern, die somit zu Bürgern wurden, sondern auch für den Adel, der dort bequemer und effektvoller im eigenen Reichtum schwelgen konnte. Der Geschmack dieser Zeit war das Raffinierte, nicht das Gewaltige. Entsprechend großspurig konnte die Architektur auftreten: Neben den Kathedralen konnten nun auch Rathäuser, Zunfthäuser, Schulgebäude, Stadtpaläste, Brücken und Stadttore entworfen werden. Die Künstler begannen systematische Naturstudien durchzuführen — diese hatten auch erstmals den Künstler selbst zum Gegenstand (siehe Abbildung). Das „Mittelalter“ war zu Ende!

Die geringschätzige Bezeichnung dieser Epoche wurde im fünfzehnten Jahrhundert von den Italienern geprägt. Sie planten eine „Renaissance„, eine Wiederbelebung des griechischen Ideals — der Zeit, als Rom das Zentrum der Kultur gewesen war.  Der Zeitraum zwischen Antike und der erhofften Wiedergeburt des Römischen Reichs sollte lediglich als gotische (also barbarische) „Zwischenzeit“ in Erinnerung bleiben. Kunst und Wissenschaft machten sich gemeinsam auf die Suche nach „objektiver“ Wahrheit.

Filippo Brunelleschi (1377-1446) gilt als der Erfinder der Renaissance-Architektur. Ihm gelang es, den Dom von Florenz mit einer gewaltigen Kuppel zu überspannen. Vermutlich entdeckte er auch die Gesetze der Perspektive. Jan van Eyck (1390-1441) entwickelte die Ölmalerei — um die Natur so wiederzugeben, wie sie sich dem Auge darbot. Konrad Witz (1400?-1446?) schuf zu dieser Zeit das erste Bildnis einer realen landschaftlichen Ansicht: Christus wandelt auf den Wellen — des Genfer Sees, im Hintergrund der Mont Salève!

Quelle: Gombrich, E. H. (2010). Geschichte der Kunst. Berlin: Phaidon.

→ Thema: Kunst — Perspektiven der „Wirklichkeit“

Homo curiosus (II): Da sind wir nun!

29. August 2012

Pünktlich und mit erstaunlicher Präzision ist unser neugieriger Roboter auf dem Mars gelandet!

Er ist offenbar voll funktionsfähig. Beinahe täglich wird die interessierte Öffentlichkeit darüber informiert, wie „Curiosity“ nach und nach seine Systeme aktiviert, überprüft und aktualisiert. Inzwischen wurde von Lande- auf Erkundungsmodus umgestellt. Techniker erläutern die Funktionsweise der Sensoren, Forscher wozu sie einzusetzen sind. Betont wurde die Genauigkeit der Vorhersagen, insbesondere des Landungsablaufs und Landungsorts. Wenn Abweichungen festgestellt wurden, scheint es sich ausnahmslos um „Unterschätzungen“ zu handeln — beispielsweise ist die Energieversorgung deutlich leistungsfähiger als erwartet.

Nun stellt sich sich die bereits geäußerte Frage: Wozu das alles? Folgende Perspektiven bieten sich an:

  • ökonomischer Nutzen
  • naturwissenschaftlicher Nutzen
  • erkenntnistheoretischer Nutzen
  • gesellschaftlicher Nutzen

Imagination „Europa“ (II): Und sie äußern sich doch!

28. August 2012
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Hier wurde bereits über Visionen für ein neues Europa berichtet. Einige Stimmen (z.B. Thomas Assheuer, Zeit, Nr. 46, 2011) monierten fehlendes Engagement der Intellektuellen. Die FAZ hat sich nun der Sache angenommen. Es folgt eine Übersicht:

Ulrich Wilhelm: Gebt Souveränität ab!

Ulrich Wilhelm (Intendant des BR) nennt ein Gründungsproblem Europas: Die Mitgliedstaaten hätten bei Einführung des Euros die Souveränität über Staatshaushalt und Sozialleistungen behalten. Nun blieben drei Handlungsoptionen — bei der Wahl der richtigen Strategie müssten sowohl historische und politische als auch  ökonomische und verfassungsrechtliche Aspekte bedacht werden:

(1) Ein ungebremster Einsatz der Notenpresse der Europäischen Zentralbank. Dies sei jedoch im EU-Vertrag ausdrücklich ausgeschlossen — eine derartige Rettung Europas käme demnach einem systematischen Rechtsbruchs gleich.

(2) Ein Zusammenbrechen der Eurozone. Dies hätte zum einen erhebliche finanzielle Konsequenzen: Hohe Ausfälle in den Bilanzen der Banken und des Bundeshaushalts. Andererseits drohe eine gesellschaftliche Spaltung zwischen den nördlichen Staaten, die sich mit erheblichem Aufwand vergeblich um eine Sanierung Europas bemüht hätten und den südlichen Staaten, die sich nun auf sich allein gestellt sähen. Zukünftig könnten jedoch Sicherheit, Wohlstand und Frieden nur in einem internationalen Bündnis garantiert sein, nicht jedoch innerhalb und zwischen einzelner Nationalstaaten.

(3) Die Gründung einer Politischen Union. Ulrich Wilhelm favorisiert diese Option und fordert eine damit verbundene Abgabe von Souveränität an die europäischen Institutionen — wenn nötig durch eine Volksabstimmung: „Was die Europäische Union dringend braucht, ist eine Rückbesinnung auf die Kraft ihrer Anfänge: Die Idee von de Gaulle, Adenauer und de Gasperi, angesichts von Verwüstung und Krieg ein gemeinsames Europa aufzubauen und sich über den Gräbern von Millionen Kriegstoten die Hand zu reichen, schien vielen Zeitgenossen ebenso kühn und unlösbar wie vielen heute die Verwirklichung einer echten Politischen Union.“

Paul Kirchhof: Verfassungsnot!

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof (Universität Heidelberg) sieht die Europäische Union als eine „Gemeinschaft des Rechts“. Trotz Souveränität der Einzelstaaten sei durch verbindliche Rechtsregeln die Stabilität der Währung und der Finanzen gesichert worden — in erster Linie durch eine Begrenzung der Staatsverschuldung und die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Dieser sei es ausdrücklich untersagt, Staatshaushalte zu finanzieren. Dadurch sei die Eigenverantwortlichkeit der Mitgliedstaaten betont worden.

Der Ursprung der Finanzprobleme liege darin, dass diese Rechtsordnung grob missachtet wurde. Nun gelte es zu vermeiden, dass die Union zu einer „Einstands- und Haftungsgemeinschaft“ werde — „die Rückkehr zum Recht [sei] das Gebot der Stunde“. Denn eine Instabilität des Rechts wiege schwerer als eine Instabilität der Finanzen. Notwendig sei ein „festes Verfassungs- und Vertragsrecht“, nicht eine im alltäglichen Kompromiss gefundene „pragmatische Lösung“. Einer Zentralisierung des Haushalts- und Verschuldungswesens steht er offenbar skeptisch gegenüber.

„(…) für eine Rechtsgemeinschaft beginnt jede weiter Vergemeinschaftung mit einem gemeinsamen Verständnis des Rechts, gegenwärtig insbesondere des Haushalts-, Steuer- und Leistungsrechts. Integration heißt Werben für das Recht.“

Thilo Sarrazin: Geburtsfehler Maastricht

Die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraums bezeichnet Thilo Sarrazin als einen „großartigen Erfolg“. Dieses, auch Frieden und Freiheit sichernde Modell brauche aber nicht unbedingt eine gemeinsame Währung. Die Aufgabe der Wechselkursanpassung sei vielmehr ein „waghalsiges Experiment“ gewesen (basierend auf der irrtümlichen Annahme, der Fortfall des Wechselkursrisikos würde zu einer Egalisierung der Bonität aller Staatsschulden im Euroraum führen):

„Bei unveränderlichen Wechselkursen werden nämlich negative Abweichungen [Unterschiede der länderspezifischen Governance] sofort durch steigende Leistungsbilanzdefizite, schwächeres Wirtschaftswachstum, höhere Arbeitslosigkeit und höhere Staatsverschuldung bestraft.“ Diese Abweichungen seien durch entsprechende Reformpolitik der betroffenen Länder zu beseitigen, nicht durch Transferzahlungen.

Die von Paul Kirchhof diagnostizierte „Missachtung des Rechts“ bezeichnet Thilo Sarrazin als „systematisch und im Kern zutiefst politisch“. Dementsprechend müssten auch die Auseinandersetzungen um die Schulden- und Transferunion als Machtkampf begriffen werden.

Die von Ulrich Wilhelm geäußerte Hoffnung auf eine „politische Union“ teilt Thilo Sarrazin nicht: Deren Konzeption sei noch immer zu unscharf und zu kontrovers. Er nennt folgende Alternativen: Die Abschaffung der gemeinsamen Währung (was wieder Wechselkursanpassungen erlauben würde) oder die Entwicklung eines Verfassungsentwurfs eines „europäischen Bundesstaats“ (innerhalb dessen Finanztransfers akzeptabel wären).

Peter Gauweiler

Jürgen Habermas, Peter Bofinger und Julian Nida-Rümelin

Otfried Höffe

Colin Crouch

Hans-Gert Pöttering

Martin Walser

Jutta Limbach

Kunst — Visionen der Kirche

1. Mai 2012

→ Thema: Kunst — Perspektiven der „Wirklichkeit“

Kloster Murbach, Benediktinerabtei im südlichen Elsass

Eine grausame Fratze des zwölften Jahrhunderts waren die Kreuzzüge. Entsprechend „streitbar“ zeigten sich auch die Kirchen: Steinmassen, die starke Ähnlichkeit mit Burgen aufwiesen — die Normannen brachten den romanischen Stil. Außerdem zeigte sich im Kontakt zur byzantinischen Kunst eine Annäherung an die Ideale der altorientalischen Kunst. Die Malerei wurde zur Bilderschrift. Dies erlaubte die Erprobung neuartiger Kompositionen und Farbgebungen. Die Unabhängigkeit von der Natur erlaubte die Darstellung des Übernatürlichen.

Das dreizehnte Jahrhundert wurde geprägt von der Idee der gotischen Kathedrale: Die Kirche wurde zur Vision des Himmels. An der Notre-Dame de Paris kann das revolutionäre Potential dieses neuen Baustils aus Kreuzrippen, Strebebögen und Spitzbögen exemplarisch studiert werden. Entsprechend wurde Paris zum Mittelpunkt des abendländischen Geisteslebens. Die künstlerischen Methoden und Effekte sind nur noch Mittel zum Zweck — um die (heilige) Geschichte noch überzeugender und gefühlvoller zu erzählen.

Doch mit Giotto di Bondone (1267-1337) erlebte die künstlerische Malerei eine Wiedergeburt — der Anspruch einer realistischen Darstellung kehrte zurück.

Quelle: Gombrich, E. H. (2010). Geschichte der Kunst. Berlin: Phaidon.

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Was die Medien nicht verstehen: It’s the process — stupid!

28. April 2012

Regelmäßig werden die Folgen politischer Entscheidungen diskutiert oder antizipiert: Wer wird begünstigt, wer benachteiligt — ist das gerecht? Um dies zu beantworten, muss zunächst differenziert werden. Die Verteilungsgerechtigkeit ist ein inhaltliches Kriterium der Angemessenheit des Ergebnisses einer Entscheidung: Hat jeder erhalten, was er verdient? Als nähere Bestimmung des Kriteriums kann dabei die Leistung oder das Bedürfnis der Beteiligten Berücksichtigung finden. Demgegenüber charakterisiert die Verfahrensgerechtigkeit den Prozess der Entscheidung — unabhängig vom Ergebnis im Einzelfall. Welche Entscheidungen werden nun als gerecht empfunden? Psychologische Untersuchungen zeigen, dass Personen wichtiger ist, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist, als das Ergebnis selbst.

Genau hier beginnt das Missverständnis in der Diskussion um die Piratenpartei. Denn der öffentliche Diskurs beschäftigt sich meist mit den inhaltlichen Konsequenzen oder Positionen — wie kann also eine Partei ernst genommen werden, die (noch) keine konkreten Inhalte vertritt? Die Vertreter der Piraten wiederum haben es versäumt, ihr Anliegen genauer zu erläutern. Der vielbemühte Begriff der Transparenz beschreibt die Prozessorientierung nur unzureichend. Radikal wäre, als Prozess-Partei aufzutreten und Inhalte als notwendige Konsequenzen zu begreifen, die — auch wenn unbequem — durch eine methodische und weniger durch eine inhaltliche Begründung legitimiert sind.

Hinsichtlich der Auflösung der traditionell ideologisch geprägten politischen Kategorien könnte ein explizites Bekenntnis zu einer spezifischen politischen Prozesstheorie das Profil aller Parteien schärfen. Denn natürlich sind alle Parteien neben ihrer inhaltlichen Orientierung zunächst auch immer eine Prozess-Partei.

Kunst — Rom, Christentum und die Entdeckung des Gefühls

7. April 2012
→ Thema: Kunst — Perspektiven der „Wirklichkeit“
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Thronende Madonna mit Kind (Cimabue, 1272-74)

Der Siegeszug Roms (bis 230 n. Chr.) war auch ein Siegeszug der Technik. Straßen, öffentliche Bäder und natürlich die Aquädukte prägten das Stadtbild. Die Überreste der damaligen Architektur, der Amphitheater und Triumphbögen, werden noch heute bewundert. Die Römer wurden Meister des Wölbungsbaus. Dies zeigt das Pantheon, der Tempel aller Götter in Rom.

Nicht nur im Bereich der Architektur übernahmen die Römer systematisch Elemente der Formensprache anderer Kulturen und passten sie ihren Zwecken an. So wurden die Errungenschaften der griechischen Kunst in den Dienst der Kriegsberichterstattung gestellt. Hierbei kam es nicht mehr auf Schönheit, Harmonie und dramatischen Ausdruck an, sondern auf Genauigkeit und die Einzelheiten der  dargestellten Ereignisse.

Spätestens mit der Anerkennung des Christentums im Jahre 311 rückte auch die Religion wieder ins Zentrum der künstlerischen Betrachtung. Die Kirche als Versammlungsraum musste neu erdacht werden. Das Ergebnis war die Basilika. Auch der Bilderstreit führte zu einer Rückbesinnung: Papst Gregor forderte, Bilder sollten dazu verwendet werden, das Wort Gottes zu lehren. Die ägyptische Idee vom Vorrang der Deutlichkeit und Klarheit der Darstellung erlangte damit wieder zentrale Bedeutung, sowie die strickte Achtung der Traditionen — allerdings bereichert durch eine entwickeltere Formensprache.

So wurde die christliche Kunst des Mittelalters ein Gemisch aus primitiven und hoch entwickelten Methoden. Etwa 500 n. Chr. verschwand das Interesse, von der Natur zu lernen — die Kunst schloss nach 1000 Jahren wieder ihre Augen: „Die Ägypter hatten hauptsächlich dargestellt, was sie wussten, die Griechen, was sie sahen. Im Mittelalter lernten die Künstler in ihren Bildern auszudrücken, was sie fühlten.“

Quelle: Gombrich, E. H. (2010). Geschichte der Kunst. Berlin: Phaidon.

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BRICS — das Ende des Homo occidentalis?

2. April 2012

Arno Bamme (2011) beschreibt in seinem monumentalen Werk „Homo occidentalis“ die Bemächtigung der Welt durch die Wertegemeinschaft des Abendlandes — sie erfolgte in drei Zäsuren: Dem griechischen Mirakel, dem europäischen Mirakel und der Postmoderne. Möglicherweise muss nun eine weitere Zäsur hinzugefügt werden: Das Ende das Abendlandes!

„Den Anfang macht (…) meistens irgendein großes Trauma„, so Egon Friedell (1979) über den Beginn einer neuen kulturgeschichtlichen Ärea. Dies könnten Epidemien, Invasionen oder auch plötzliche wirtschaftliche Umwertungen sein.  Darauf folge „eine traumatische Neurose, die der eigentliche Brutherd des Neuen ist“: Die aktuellen Verhältnisse würden dadurch in einen chaotischen Zustand gebracht, Vorstellungsmassen würden mobilisiert. Schließlich verfestige sich ein neues Zeitalter.

Es scheint, als hätten wir kürzlich ein globales Trauma (die Finanz- und Wirtschaftskrise) durchlebt und als kämpften wir derzeit mit der Neurose: Kann die Idee von Europa weiterentwickelt werden, oder ist sie bereits gescheitert?

Möglicherweise findet die eigentliche Neukonzeption der Menschheit jedoch gerade woanders statt: Fünf Staaten, die 40 % der Weltbevölkerung stellen, rücken näher zusammen. Es ist der Versuch, eine multipolare Weltordnung zu etablieren. Gegründet 2009, trafen sich Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika (BRICS) in dieser Woche in Neu Delhi zu ihrem vierten Gipfel. Sie einigten sich auf die Gründung einer eigenen Entwicklungsbank, die ein Gegengewicht zu internationalem Währungsfond und Weltbank werden soll. Handelserleichterungen sollen das Handelsvolumen bis 2015 verdoppeln. Außenpolitisch positionieren sie sich gegen Syrien und für die Friedensbemühungen der Arabischen Liga und des neuen UN-Sondergesandten Kofi Annan; der Iran habe ein Recht auf die friedliche Nutzung der Atomenergie.

Ökonomisch könnten die BRICS-Staaten die G7-Staaten bis 2027 überflügeln — aber können sie der Welt auch kultur- und gesellschaftspolitisch eine neue Richtung geben? Das wäre durchaus wünschenswert! Das Thema einer gemeinsamen Identität stand übrigens nicht auf der Tagesordnung.